GRAÏNE sculpteur

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Von Kölschen Spottfiguren und der Kunst...

Konrad AdenauerAls ich 2001 zum ersten Mal Köln besichtigt und den Karneval entdeckt und richtig gefeiert habe, war ich von der Lässigkeit der Kölner begeistert.

Die ersten Skulpturen, die ich unbedingt sehen sollte (um meine Begeisterung zu verstärken), waren die Witzfiguren Tünnes und Schäl, und die Holzfratze unter der Rathausuhr, der «Platzjabbek», der, sonst zu jeder vollen Stunde, zur Zeit aber ständig die Zunge rausstreckt.
Er erinnert damit an den Sieg der Bürger über die Patrizier, denen das Bürgertum fortan die Zunge zeigen konnte. Also ein Denkmal. Solche Skulpturen fand ich nett, lustig und ...belanglos. Dem widersprach auch mein Führer durch die Stadt, der Architekt und ehemalige Stadtkonservator Martin Hennes, nicht.

Vor der Skulptur von Willi Millowitsch am Eisenmarkt oder vor derjenigen von Konrad Adenauer, direkt neben der Kirche St.Aposteln, dachte ich am Anfang, dass es sich auch um Spottfiguren handelte, anscheinend eine Kunst, die die Kölner beherrschten und sehr gern hatten. Ich nahm an, dass die Kölner so vom Karneval geprägt und so offen waren, dass sie Konrad Adenauer lächerlich darstellen konnten.

Danach habe ich weiter recherchiert und von der pathetischen Geschichte der Aufstellung dieser Adenauer-Statue gelesen. Es war gar keine Spottfigur, sondern ein ernstgemeintes Denkmal!
Es gab sogar eine Bürgerinitiative gegen die Skulptur, eben weil sie Konrad Adenauer lächerlich machte.

Was stimmt nicht in dieser Skulptur?
Der Körper fehlt: die Skulptur ist ein gewaltiger, steif hängender Mantel aus Bronze, in dem sich kein Körper befindet, oben hineingerammt ein unmenschlicher Kopf, drangeklebt zwei monströse Hände und zwei Stöcke, die sich, als Beine, unter den Mantel drängeln. Das Ganze wirkt grausam, von jedem Punkt des Platzes drum herum aus gesehen.
Ein Denkmal soll meiner Meinung nach Leben und Schönheit in seiner Umgebung schaffen, es soll eine Anziehungskraft haben.
Was ist aber Schönheit, könnte man mich fragen? In diesem Fall geht es um Urbanistik und architektonische Schönheit.
Wer wird Paris, Rom, Florenz, Venedig für häßlich und, sagen wir mal, …Düren für schön halten? Schönheit ist subjektiv. Deswegen soll man sich von Gelungenem …einfach inspirieren lassen. Ich kenne keine Gründe dafür, außer neurotischen, dass alles unbedingt neu oder außergewöhnlich aussehen muss.

Gott sei Dank ist Köln nicht die einzige mit Hässlichkeiten ausgerüstete Stadt oder Ortschaft. Bei weitem nicht. In Wohnhaus und Garten Konrad Adenauers (Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus in Bad Honnef-Rhöndorf) und in Berlin stehen auch Adenauer-Spottfiguren. Und in Paris, vor dem Grand-Palais, ganz in der Nähe der Champs-Elysées, steht eine Charles-de-Gaulle-Spottfigur.

Im Gegensatz zu Musikhochschulen wird in denen für Kunst, den Kunstakademien, einzig und ausschließlich experimentelle Kunst „gelehrt“ und gefördert, und zwar, weil die Kunstakademien Teil des ...Kunstmarkts sind. Deshalb gibt es nur sehr wenige Bildhauer, die die Kunst des Denkmals beherrschen. Und genau so wenig Auftraggeber, die einen Sinn, einen Begriff ...und die Kultur besitzen dafür, das Beste für die Städte auszuwählen.
Im Dienst ihrer Ideologien haben die Kommunisten in der Sowjet-Union und die Nazis in Deutschland die Kunst gewaltsam geknebelt und gegängelt. Heute wird die Kunst, ganz und gar friedlich, über den Kunstmarkt und ein paar schwerreiche und omnipotente Oligarchen vergiftet, beherrscht und ...gegängelt.

„Kunst hat einen Preis, aber überhaupt keinen Wert, [dixit: Jean Clair]. Gesellschaftlich Kunst zu schaffen ist wie Lottospielen: jeder Künstler träumt davon, den Jackpot zu knacken - (manchmal unterliege ich dieser Illusion auch, vor allem, wenn ich meine Kunst nicht finanzieren kann) - man hat eine Chance zu Millionen, zu gewinnen, und Millionen Chancen, Geld zu verlieren. Von einem ganzen Kartell aus „Allmächtigen“, „Experten“, „Spezialisten“, „Kuratoren“ in Begleitung von beflissenen „Edelfedern“ und „Kulturredakteuren“ wurde Kunst zu einer glänzend vermarktbaren und dem Uneingeweihten unverständlichen Religion erhoben und heiliggesprochen. Alles Banane. Tabu! Wir reden hier! Nicht berühren!

Falls einem einer von diesen ganzen Humorlosen erklärt, ‚dass das Loch, das er gerade gegraben und unmittelbar danach wieder zugefüllt hat, eine unterirdische Skulptur‘ sei, bitte aufrecht und gerade stehen bleiben und nicht lachen, einfach sagen: oh! oder: ich verstehe nichts von Kunst. Das sagen viele, weil sich keiner traut, vor Kunst-Ayatollahs – und selbst - eine eigene Meinung zu haben. Natürlich darf „alles“ Kunst genannt werden, und Kunst ist selbstverständlich ein Feld intellektueller Freiheit. Aber nur, wenn konstruktive Kritik frei und offen geübt werden kann, egal ob negativ oder positiv. Das ist aber nicht der Fall. Stattdessen wird von morgens bis abends abgehoben gelabert und jeder Blödsinn belobhudelt.

Als konstruktive Kritik habe ich eine Skulptur entworfen, um zu zeigen, wie man ein Denkmal richtig macht. Damit versuche ich, mein Können und das, was ich gelernt habe, zu zeigen und es weiter zu geben. Dasselbe mache ich in meinem Unterricht: In meinen Kursen (Zeichnen, Modellieren und Bildhauerei) lernt man wirklich etwas. Nicht, Künstler zu werden. Dazu braucht man heute nichts zu lernen. In meinen Kursen geht es um die individuelle, jedem eigene Entwicklung, und um Kultur. Aber auch um den Spaß, den es macht, wenn man etwas geschaffen und geschafft hat. Genauso, wie es beim Erlernen von Geige oder Klavier mit der Musik ist.
Das Beherrschen des Zeichens, des Malens, der Bildhauerei, nach den Regeln, die die Künstler vom Quattrocento (15. Jh.) bis Ende 19. Jahrhundert entwickelt haben, gehört zum Kulturerbe der Menschen. Diese Regeln muss man kennen, um sie zu nutzen und weiterzuentwickeln - nicht aus Konservatismus oder Dummheit! Ganz im Gegenteil! Wer das klassische Zeichnen beherrscht, das man unter Leitung kompetenter Künstler erlernt hat, fühlt sich wie verwandelt. Man versteht die Sprache der alten Meister in ihrer Vielfalt und Komplexität und erfasst die Tiefe und Subtilität ihres Schaffens - und warum Donatellos oder Michelangelos Skulpturen und Tintorettos Gemälde begeistern ...und dass man doch eigene Meinungen über Kunst haben und sie – ganz ohne Besserwisserei – äussern kann. Ganz Platzjabbek.




Carpe diem 1996-2001


Zusammen mit Freunden und anderen Künstlern rief ich im Jahre 1996 in Algier die Performance-Gruppe "Carpe Diem" ins Leben. Unser Anliegen war es, ein Zeichen zu setzen gegen die fundamentalistischen und terroristischen Strömungen im Lande sowie das oligarchische Regime, welche Algerien in einen blutigen Bürgerkrieg gestürzt hatten.

Wir wählten den Namen Carpe Diem (= Nutze den Tag) als Antwort auf die allgegenwärtigen Todesdrohungen, die gegen Intellektuelle und Freidenker gerichtet waren.

Diese Drohungen waren eines der wenigen Versprechen, die im Algerien der 90er Jahre mit großer Sicherheit auch gehalten wurden. Diese Gewissheit jedoch verhalf uns zu einem fatalistischen Gefühl der Freiheit - alles war möglich!

Unsere Philosophie war es, nicht die Hindernisse zu überwinden, die sich uns in den Weg stellten, sondern vielmehr genau diese als Basis zu nutzen für unsere improvisierten Performances, die den Frauen und Männern in den Straßen und Theatern von Algier, Tizi-Ouzou und Bejaja - nicht nur metaphorisch gesprochen - ihren Letzten Wunsch nach Freude und Spaß vor der Hinrichtung erfüllen sollten. Damit brachen wir alle Tabus.

Unsere Darstellung von Humor, Gewalt und Glück war ursprünglich, unmittelbar und kurzweilig und wurde ohne Sprache vor einem musikalischen Hintergrund dargeboten. Das Publikum genoss diese flüchtigen Momente von Schönheit und Freude im Angesicht von Tod und Gefahr.

Die letztes Aufführungen von "Carpe Diem" fanden statt im Piccolo Theater in Forli (Italien), auf dem Place de la République und im Konzertsaal "Zenith" in Paris (Frankreich).

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